Sons Of Seasons: Toller Tourbericht von Oliver Palotai

10. Dezember 2009 | Von Joachim | Kategorie: Allgemein, Endorser, Featured Articles, MS-Inside, News

SONS OF SEASONS
‚Gods Of Vermin‘- Tour 2009
Ein Tourbericht von Oliver Palotai

Die erste, große Tour einer frisch gebackenen Band – das ist wohl nur zu vergleichen mit ähnlich gearteten Ereignissen im Leben. Zum ersten Mal von zu Hause ausziehen, die erste Studentenbude, die erste, richtige, hochwertige Gitarre, die man in den Händen hält und nach harten Sommerferienjobs endlich bezahlen kann.
So ähnlich hat es sich angefühlt, vor der Europa- Tournee als Support der Symphonic Metaller Epica. Der Unterschied nur, dass jedes Mitglied der Band bereits unzählige Touren mit anderen Combos bereits hinter sich hatte. Aber: Diesmal ging es um das eigene Baby, das ureigene Projekt. Nicht als Mietmusiker, als „hired gun“, sondern als Vorstandsmitglied. Und dieser Unterschied ist entscheidend!
Eigentlich wussten wir lange nicht, ob die Tour überhaupt finanzierbar sein würde. Selbst nach vorsichtigen Kalkulationen und dem schmerzhaften Wegschneiden aller Bequemlichkeiten würden die Kosten weit über zehntausend nicht vorhandener Scheine betragen. Zwar konnten wir auf die Unterstützung unserer Plattenfirma zählen, aber in Zeiten der grundlegenden Gefährdung der kompletten Industrie durch illegale Downloads sitzt das Geld verständlicherweise nicht locker. Anders ausgedrückt: All jene „Musikliebhaber“, die sich mal kurz den einen oder anderen Song saugen, haben in den vergangenen Jahren Dutzende Labels in die Insolvenz getrieben. Das Musikbusiness ist zur Zeit eine rauchende Trümmerlandschaft und die Überlebenden müssen sehr genau wirtschaften. Getroffen hat es nicht imaginäre Plattenbosse mit Rolex und Zigarre im Mundwinkel, sondern Tausende von Nachwuchsbands.
Somit kratzten wir aus persönlichen Ersparnissen zusammen, was ging, und hofften auf gute Verkäufe unseres Merchandise- Tisches. Nächstes Problem war, ein Wohnmobil für sieben Personen aufzutreiben – fünf Musiker, eine Merchandiserin und der Soundengineer, im Fachjargon FOH- Mann genannt („Front Of House“). Da begibt man sich in die Niederungen deutscher Gesetzgebung und der Anschnallpflicht beim Fahren. Eigentlich eine gute Idee, aber es gibt schlicht kein Camper mit sieben Gurten. Das Problem lösten wir durch die Mitnahme eines weiteren Transporters für unser Equipment, was aber auch die Benzin- und Mautkosten verdoppelte.
Platzprobleme sind ohnehin das nächste zu nehmende Hindernis. In meinem Fall allein hieß das einen FAME Bulldozer- Verstärker, einen weiteren als Backup, meine beiden FAME Forum- Gitarren, zwei FAME- Lautsprecher sowie eine große, fette Yamaha ES7- Workstation. Sons Of Seasons spielt eher traditionell, was das Equipment angeht: Kein In Ear- Monitoring, keine Amp- Simulatoren, sondern die brachiale Kraft der Röhren im Rücken. Das bedeutet aber auch: Dringend notwendige Rückenmassagen nach der Tour durch mitleidende Freundinnen aufgrund des täglichen Auf- und Abbaus von Equipment, dessen Gewicht sich zu mehreren Tonnen aufaddiert.
Und dann ging es endlich los: Deutschland zuerst, dann die Tschechische Republik, Österreich, Schweiz, Italien (inklusive einer Headliner- Show in Trieste), Spanien und Frankreich. Nach dem Eintreffen waren wir froh, wenn die Backstage- Räume einigermaßen komfortabel waren, die wir häufig mit dem Main Support Amberian Dawn aus Finnland teilen mussten. Epicas Soundcheck fand zuerst statt, wir zuletzt, was den großen Vorteil mit sich brachte, das Equipment auf der Bühne stehen lassen zu können. In einer halben Stunde Spielzeit stellten wir einem zum Glück neugierigen und aufgeschlossenen Publikum einen Teil unserer Songs vor. Sons Of Seasons ist keine Musik, die sich sofort in allen Details in den Gehörgängen einnistet. Man braucht Zeit, sich hinein zu hören, und viele Feinheiten erschließen sich erst nach mehrmaligem Abspielen der CD. Daher hatten wir gewisse Bedenken, was die Reaktion der Zuschauer anging, die natürlich zu 99% des Headliners wegen ihre Tickets kaufen.
Im Rückblick jedoch kann ich sagen, dass ich noch nie eine Tour gefahren bin, die ein so konstant gutes Feedback von den Leuten bekam. Obwohl wir bereits einige Headliner- Gigs im Sommer gespielt hatten, lernten wir uns erst jetzt so richtig kennen. Henning Basse, unser Sänger, verwandelte sich jeden Abend vom ersten Ton an in eine Kreatur aus den Niederhöllen und brachte selbst den müdesten Fan zum Klatschen. Daniel Schild, unser Schlagzeuger, durfte zwei Mal am Tag sein umfangreiches Set zusammen- und auseinanderschrauben, was ihn aber nicht daran hinderte, die Saitenfraktion mit punktgenauem Bombardement voranzutreiben. Jürgen Steinmetz am Bass brachte uns mit seinem warmen, fetten Sound zum Schweben und lieferte das Kunststück ab, gleichzeitig die nicht unkomplizierten Background- Gesänge zu intonieren. Ebenso Pepe Pierez, Gitarrist, der erst nach der Aufnahme von ‚Gods Of Vermin‘ zu uns stieß und das ehemalige Quartett perfekt ergänzt. Nicht unerwähnt bleiben darf Roland Römer, der sich jeden Tag in kürzester Zeit mit jeweils völlig anderen Mischpulten auseinandersetzen musste und die komplexen Arrangements der Band virtuos in die Lautsprecher schickte. Und Heather Shockley, die unsere CDs und T- Shirts in vier Sprachen ohne eine Gegenleistung verkaufte, was für eine ansonsten als professionelle Sängerin und Tänzerin arbeitende Künstlerin nicht selbstverständlich ist, wenn man den Wechsel von auf der Bühne zu vor derselben in Betracht zieht.
An besonderen Momenten gab es viele, auch wenn zum Glück jegliche Desaster ausblieben. Nach den Konzerten hieß es jeweils so lange zu fahren, bis uns die Augen zu fielen, auf irgendeinem Parkplatz zu übernachten, und am Morgen die restliche Distanz zur nächsten Halle hinter uns zu bringen. Nun gut, unser Camper fiel Stück für Stück auseinander, in Bilbao rammte uns ein Lieferwagen, in der Pariser Innenstadt rammten wir als Gegenleistung einen Pfeiler, die Dusche im Wohnmobil ging wie von Geisterhand an, als unsere Schuhe darunter parkten, aber all dies sind Kleinigkeiten auf einer Strecke von über 8000km. Nach der Tour allerdings fielen wir kollektiv ins Koma und die ganze Erschöpfung machte sich bemerkbar. Nichtsdestotrotz hieß es für uns alle, ohne längere Ruhepause in unsere jeweiligen Jobs zurückzukehren, wobei vier Fünftel der Bandmitglieder ohnehin ausschließlich von der Musik leben, so dass sich die sogenannte Nach- Tour- Depression in Grenzen hielt.
Ich schreibe diesen Bericht von einer anderen Tour, mit all jenem Komfort, den ich vor der ersten ‚Gods Of Vermin‘- Tour für selbstverständlich gehalten hatte: Tourbus, Crew, Ruhepausen, ein Publikum, das deine Musik kennt. Na klar, da wollen wir mit Sons Of Seasons auch hin, aber ich muss sagen, dass ich jene erste Tour mit all ihren Ecken und Kanten in besonderer, positiver Erinnerung behalten werde. Wohin es in Zukunft auch gehen mag in einer Zeit, in der viele Menschen keine Vorstellung von geistigem Eigentum mehr zu haben scheinen und in welcher der Unterschied zwischen einer runtergeladenen und gekauften CD darin besteht, ob eine Band sich den Sprit zum nächsten Konzert leisten kann oder nicht, diese erste, große Runde durch Europa mit einem Paket an großartigen Menschen und Musikern war ein würdiger Startschuss.

Sons Of Seasons ist:
Henning Basse (Vocals)
Oliver Palotai (Guitars, Keyboards)
Pepe Pierez (Guitars)
Jürgen Steinmetz (Bass)
Daniel Schild (Drums)

Releases: CD ‚Gods Of Vermin‘ (Regular Edition & Special Edition; Napalm Records)
www.sonsofseasons.com

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