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Tune it yourself
Achtung: Brückenbauarbeiten!
Gleich dreimal läutete in der Kalenderwoche 29 das Telefon mit sehr
hektischen, wenn nicht sogar panischen Kunden am anderen Ende der
Leitung. Hilfesuchende Beschreibungen hasteten durch den Hörer:
„Die Aufhängung der Saiten, also Sattel ... oder Brücke … ist komplett
von der Oberfläche abgebrochen ...“ Schweigen. Und dann die
hoffnungsvolle Frage: „Kann man so etwas überhaupt reparieren?“
Doc Schneider
In der Tat sieht solch ein offener Bruch
(Abb.1) bei dem sich der Steg komplett von
der Decke gelöst hat, für den Laien nach einem
Totalschaden aus. Schließlich sind mit dem
Saitenzug enorme Kräfte verbunden, die eine
Heilung unmöglich erscheinen lassen. Wenn
zudem die Kontaktfläche Steg/Decke auch
noch ausgerissen und somit beschädigt ist
(Abb.2) wird die beschädigte Gitarre schnell als
Dekoartikel abgehakt.
Nacharbeit geht zu
Lasten der Kalkulation.
Es ist nun müßig, zu hinterfragen, warum der
Steg sich gelöst hat – zu vielseitig sind die
Erklärungsansätze. Diese können reichen vom
Verwenden falscher Saiten (Stahlsaiten auf
normaler Konzertgitarre), falscher Lagerung bei
zu hoher Hitze oder zu trockener Luft bis hin
zu einer nicht optimalen Verarbeitung bei der
Produktion der Gitarre.
Auf Abb.3 ist gut zu erkennen, dass die Kon-
taktfläche nicht sauber herausgearbeitet war.
Normalerweise sollte der Lack im Bereich des
Stegs komplett entfernt sein, um ein voll-
flächiges Verleimen von Steg und Decke zu
ermöglichen. Auf den verbliebenen Lackresten,
die auf der Abbildung zu erkennen sind, haftet
kein Holzleim; auch Kleber finden oft nur
ungenügend Halt. Was zuerst noch hält, wird
unter jahrelangem Saitenzug mürbe und gibt
dann – wenn noch ein Extrem wie zum Beispiel
hohe Hitze oder Schwüle hinzukommt – gänzlich
auf, und der Steg löst sich von der Decke.
Abb. 4 zeigt den Sollzustand im Querschnitt
– hier wurde natürlich eigens eine Gitarre
entlang ihrer Mittellinie aufgesägt. Der Steg A
sitzt vollflächig auf der Decke B, die im Bereich
des Stegs durch ein sogenanntes Stegfutter C
verstärkt ist. D ist eine Deckenspreize im Schnitt,
die in diesem Zusammenhang eine unterge-
ordnete Bedeutung hat.
Hauptträger des Steges ist die ca. 2,5 mm
starke Decke. Ist diese durch das Ablösen des
Steges gesplittert und somit geschwächt, ist
die normale Verleimung gemäß Lehrbuch kaum
möglich. Oftmals fehlen Späne, was zu Hohl-
räumen bei der Verleimung führen würde. Das
gilt vor allem, wenn die Decke aus Sperrholz
besteht. Zwar würde auch Weißleim die Hohl-
räume zunächst füllen, doch da dieser Leim nur
begrenzt spaltfüllend ist, wird so eventuell eine
neue Schwachstelle vorprogrammiert.
Versucht man dann auch noch, mit solchen
Reparaturen die Miete zu bezahlen, gilt außerdem:
kommen – sehen – siegen. Das soll heißen, dass
die Reparatur nur einmal durchgeführt werden
sollte und ein eventuelles Nacharbeiten sofort zu
Lasten der Kalkulation (also des Ertrags) geht.
Mal ganz abgesehen von der unnötigen Rennerei
für den Kunden und der erneuten Belastung für
das Material. Hier muss man sich schon mal
von den klassisch eleganten Vorgaben loslösen,
zweckdienlich denken und unorthodoxe Wege
Abb. 2:
Die gesplitterte Schadstelle verhindert
eine saubere Verleimung
Abb. 1:
Materialermüdung führt häufig zum
Ablösen des Stegs
Abb. 3:
Die unsauber ausgearbeitete
Kontaktfläche Decke/Steg
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Abb. 4:
Typische Stegverleimung bei einer
Klassikgitarre
beschreiten. Ein erfolgsversprechender Lösungs-
ansatz heißt: Schrauben. Und zwar durchgehen-
de Schrauben.
Handwerkskunst
Immer wenn ich Kunden diese Lösung vor-
schlage, ist unmittelbar am Gesichtsausdruck zu
erkennen, dass im selben Moment der Glaube
ans Handwerk schwindet und das Bild des
Gitarrenbauers als feiner Handwerker wie eine
Seifenblase zerplatzt.
Mal ganz davon abgesehen, dass viele
Hersteller die Stege von Akustikgitarren bereits
Abb. 5:
Untypisch, aber effektiv: die
Schraubverbindung
ab Werk mit Schrauben fixieren, ist dies eine
Methode der Befestigung, die hält, was sie
verspricht. Abb.5 zeigt das Material und die
Abb. 6:
Die Vorbereitung des Stegs
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Abb. 7:
Positionierung des Stegs auf der Decke
Abb. 9:
Zulagen für eine gute Druckverteilung
Abb. 8:
Zwingen fixieren den Steg beim
Verkleben
Funktion. Eine 3 mm starke Gewindeschraube
(ca. 25 mm lang) mit Senkkopf wird durch Steg
und Decke geführt. Auf der Unterseite verhin-
dern Unterlegscheiben, dass sich die Mutter
ins weiche Holz drückt. Der Schraubenkopf hat
einen Durchmesser von ca. 5,5 mm. Um ihn zu
versenken, bohre ich ein 7er Loch (Holzbohrer
mit Zentrierspitze für saubere Kanten) in den
Knüpfblock zwischen der e/h- und E/A-Saite
– siehe Abb. 6.
Es ist unbedingt darauf zu achten, dass keine
Deckenspreizen im Inneren der Gitarre verletzt
werden, da diese der Decke ihre Statik geben.
Daher erst im Inneren der Gitarre die Lage der
Spreizen ertasten und dann die Position der Be-
festigungslöcher festlegen. Bei Konzertgitarren
ist die beschriebene Position in der Regel „safe“.
Da sich in einem zu engen Loch die Schraube
manchmal verkantet, bohre ich im Mittelpunkt
des 7er Lochs mit 3,5 mm durch den Steg und
krause im oberen Bereich mit einem 6er Bohrer
den Boden der Bohrung leicht auf, damit die
Senkkopfschraube gut sitzt (notwendig, da der
Holzbohrer einen planen Grund hinterlässt).
der Steg auf die Decke aufgesetzt und die 3,5-
mm-Löcher können durch die Decke hindurch
weitergebohrt werden. Die genaue Position des
Stegs ist natürlich extrem wichtig, sonst stimmt
hinterher nichts mehr; sie ist aber in der Regel
durch die rauhe Oberfläche des Bruchs recht gut
zu erkennen. Einmal gebohrt, ist der größte Teil
der Arbeit bereits erledigt.
Allerdings würde ein reines Verschrauben
des Stegs die Flügel (Seitenteile) des Stegs
lose im Raum stehen lassen. Damit diese nicht
lose vor sich hin vibrieren, wird der gesamte
Steg natürlich zusätzlich zum Verschrauben
noch verklebt. Hier löse ich mich – vor dem
Hintergrund der Wirtschaftlichkeit – wieder von
klassischen Vorgaben und verwende ein Zwei-
Komponenten-Epoxidharz: Uhu Plus Endfest
300. Dieser Zwei-Komponenten-Kleber ist spalt-
Abb. 10:
Da löst sich nichts mehr
Perlmuttaugen machen
die Schraube unsichtbar.
füllend, härtet komplett durch und verbindet
Decke und Steg ohne Zwischenräume.
Leider muss ab diesem Moment die Kamera
weggepackt werden – und somit gibt’s von
diesem Arbeitsschritt keine Bilder –, da nach
Murphys Gesetz trotz größter Sorgfalt Kleber
den Weg zur Kamera finden wird, um diese
völlig überflüssig mitzuverkleben. Hier ist der
Nachteil des Epoxydharzes: Es lässt sich nach
dem Aushärten nur noch mechanisch entfernen.
Auf der Kamera natürlich ein No-Go.
Der Kleber hat eine Verarbeitungszeit von
rund zwei Stunden (abhängig von der Raum-
temperatur), es bleibt also genug Zeit, die Re-
paratur in Ruhe anzugehen. Zunächst schraube
ich den Steg auf die Decke.
Um den Steg herum klebe ich die Decke
mit Malerkrepp ab, um überschüssigen Kleber
aufzunehmen. Ist die Decke abgeklebt, entferne
ich den Steg wieder und bestreiche ihn auf
der Unterseite mit gemäß Herstellerangaben
angerührtem Kleber. Dann den Steg wieder
aufsetzen und leicht anschrauben.
Im nächsten Schritt fixiere ich den kompletten
Steg mit speziellen Zwingen auf der Decke
(Abb. 8). Hier würden auch Klemmen mit einer
entsprechenden Ausladung reichen. Das Ziel:
Steg und Decke ohne sichtbare Fugen miteinan-
der zu verquicken. Angepasste Zulagen (Abb. 9)
helfen, den Druck gleichmäßig zu verteilen.
Der austretende Kleber kann mit einem klei-
nen Stück Furnier, das als Spachtel dient, vom
Krepp abgezogen werden. Eventuell noch ein
wenig die Schrauben nachziehen. Wenn kein
Kleber mehr austritt und die Kleberstelle sauber
ist (eventuell mit geeigneten Lösungsmitteln
nachwischen), kann das Kreppband vorsichtig
abgezogen werden. Danach das Ganze über
Nacht durchtrocknen lassen und sich umgehend
dem Kaltgetränk zur Belohnung widmen.
Letzte Arbeiten
Im letzten Schritt werden noch einmal die
Muttern im Inneren der Gitarre nachgezogen
– damit auch garantiert nichts rappelt –, und
anschließend werden die Perlmuttaugen in die
Löcher eingesetzt, beigearbeitet und aufpoliert
(Abb. 10).
Ohne Angst vor einem erneuten Ablösen
kann die Gitarre anschließend besaitet und in
der Tat auch benutzt werden. Obwohl diese
Reparaturmethode vielleicht im Ansatz etwas
atypisch erscheint, garantiert sie jedoch eine
kraftschlüssige Verbindung von Steg und Decke
und ist für viele Gitarren unter wirtschaftlichem
Aspekt die einzige Reparaturmethode, die in
Frage kommt.
Michael „Doc“ Schneider
Exakt positionierter Steg
Damit die Schraube optisch nicht das Bild
zerstört, setze ich – zunächst probeweise – ein
7-mm-Perlmuttauge (Griffbretteinlage) ins Loch.
Hier empfehle ich Perlmutt, da eine Kunst-
stoffeinlage transparent wird, wenn sie sehr dünn
geschliffen wird – die Schraube wird eventuell
sichtbar. Perlmutt ist hier blickdicht und macht
die Schraube unsichtbar. So vorbereitet, kann
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