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Guitar-Recording
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Digidesign Eleven Rack
In der zweiten Workshop-Folge rund um Digidesigns Eleven Rack soll es weniger um die
technischen Aspekte der Aufnahme, sondern mehr um die praktische Anwendung gehen.
Eleven Rack verfolgt das ehrgeizige Ziel, im Studio und auf der Bühne als Verstärker, Boxen-
und Effektersatz zu fungieren. Mutig, denn unsere Lieblingsverstärker tauschen wir natürlich
nicht wirklich gern gegen ein digitales Rackmodul. Dafür müssen schon überzeugende
Argumente her. Diese liefert Eleven Rack zum Beispiel in Form umfassender Klangvielfalt,
Speicherbarkeit und geringen Abmessungen.
Die erste Wahl betrifft die geeignete Verstär-
kerklangfarbe. Eleven Rack kennt vier Fender-
Modelle, den Vox AC30, zwei Marshalls, den
Soldano SLO 100, drei Mesa-Boogie-Sounds
sowie zwei eigene Klangvarianten. Die Mischung
aus Gitarre und Amp stellt eure Basis dar, die
um ein feines Detail am Eleven Rack erweitert
wird: Das Gerät verfügt über eine variable
Eingangsimpedanz, mit der ihr eure Gitarre
spezifisch an den jeweiligen Verstärkertypen
anpassen könnt. Je nach Wert gibt sich der Amp
mal knackiger, mal weicher.
Weitere elementare klangformende Elemen-
te sind die eingesetzten Lautsprecher und das
eingesetzte Mikrofon. Wer einmal die Boxen seiner
Hifi-Anlage getauscht hat weiß, wie signifikant
die Klangprägung durch diese Komponente ist.
Es ist ein himmelweiter Unterschied, ob man eine
offene 1x12“-Box mit Vintage 30 Celestion oder
ein mit vier Greenbacks bestücktes Halfstack
spielt. Das Gegenstück zum Lautsprecher bei
der Aufnahme ist das eingesetzte Mikrofon. Hier
gibt es Klein- und Großmembranmikrofone,
dynamische, Kondensator- und Bändchentypen,
Röhren- und Transistormodelle, und allesamt
verfügen sie über eine eigene Klangfarbe. Dazu
ist der eingefangene Klang hochgradig abhän-
gig von der Platzierung des Mikrofons vor dem
Lautsprecher.
Mit der vergleichsweise einfachen und
klar strukturierten Klangformung durch einen
Equalizer ist die Einflussnahme dieser beiden
Komponenten auf das Signal nicht zu verglei-
chen. Die Frequenzgangkurven von Lautsprecher,
Gehäuse und Mikrofon sind nicht mit wenigen
EQ-Bändern zu simulieren.
Hinzu kommen dabei noch lautstärkeab-
hängige Frequenzgangmodifikationen durch
Verzerrungen und Resonanzen. Schließlich inter-
agieren mehrere Lautsprecher, der Raum und
das Mikrofon in komplexer Weise miteinander.
Es kommt zu Reflexionen, Phasenaddierungen
und -subtrahierungen, die natürlich allesamt den
Klang prägen.
Vor allem müssen aber auch authentische
und überzeugende Klänge her. Deshalb solltet ihr
euch auch nicht mit den Presets zufriedengeben.
Es geht vielmehr darum, das Klangangebot der
bereitgestellten Signalkette zielgerichtet ausnutzen.
Taucht man entsprechend tief ein und kombiniert
die Möglichkeiten der Hardware noch mit der
üppigen Effektausstattung der mitgelieferten Pro
Tools LE Version, hat man ein Paket zur Hand, das
einen konventionellen Zwei- oder Dreikanäler in
Sachen Vielfalt und Flexibilität weit hinter sich
lässt. Immerhin werden hier 13 Verstärkerkanäle,
je sieben Lautsprechertypen und Mikrofone,
Noise Gates sowie eine mehrstufige Auswahl aus
Modulations-, Dynamik- und Overdrive-Effekten,
EQ, Wah, Delay und Reverb geboten. Hinzu kommt
ein Volumenpedal, ein externer Effektloop sowie
die Möglichkeit, das Signal an einen echten
Verstärker oder Endstufe zu leiten.
Mit dieser Signalkette solltet Ihr euch unbedingt
vertraut machen, denn die einzelnen Module
könnt ihr an den unterschiedlichsten Positionen
platzieren. Es macht nämlich einen klanglichen
Unterschied, an welcher Stelle ihr beispielsweise
den Klang über einen Equalizer regelt oder ein
Echo einfügt. In diesem Bereich sind digitale
Komplettsysteme wie Eleven Rack analoger Technik
haushoch überlegen. Einen teuren Switcher, der
eure Palette an Treteffekten verwaltet, braucht ihr
hier nicht mehr. Dazu ist Eleven Rack auch noch
innerhalb von Pro Tools LE über eine komfortable
Bedienoberfläche am Bildschirm zu konfigurieren.
Das erste Mittel zur Klangformung sollte natür-
Die klangformenden Module im Eleven Rack
lassen sich variabel anordnen
lich die Auswahl der richtigen Gitarren dar-
stellen. Diese liefert aufgrund ihrer Bauart, des
eingesetzten Holzes und natürlich der Pickups
einen spezifischen Sound, der als Basis fungiert.
Klinkt euch nunmehr in das Eleven Rack ein
und legt euch den Sound auf eure Monitore oder
einen guten Kopfhörer. Probiert ein paar Presets
aus. Ich halte es grundsätzlich so, dass ich für die
Erstellung eines neuen Sounds zunächst sämtliche
Effekte deaktiviere. Das erledigt ihr direkt durch
Knopfdruck auf der Hardware. Vergesst auch das
Noise Gate nicht, das sich auf der zweiten Seite der
Amp-Simulation befindet.
Twin-Sound
Als erstes Soundbeispiel beginnt ihr mit einem
unverzerrten Clean-Ton, wie er beispielsweise im
Countrypicking oder im Funk genutzt wird. Eine
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passende Wahl im Eleven-Rack-Portfolio könnte
dabei der Fender Twin darstellen. In diesem Fall
überträgt der Verstärker vor allem den puren
Grundton der Gitarre. Wählt also ein Modell,
das bereits hinreichend „knackig“ klingt.
Naheliegende Kandidaten sind Stratocaster-
oder Telecaster-Typen mit Singlecoil-Pickups
und geschraubtem Hals.
Unverzerrt ist hierbei die Vorgabe.
Entsprechend bleibt der Gain-Regler im Bereich
1 bis 3, während die eigentliche Lautstärke
über den Masterregler des Amps gesteuert wird.
Noch neutraler könnt ihr den Pegel auf der
zweiten Menüseite über „Output“ regeln. Als
Boxen dürften sich schnell ansprechende Typen
im 10“-Format empfehlen. Wir haben uns dabei
für den 4x10“-Typ aus dem Fender Bassmann
entschieden. Schließlich wählt ihr noch eine
gute Kondensatormikrofonsimulation wie das
Neumann U87. Dieses Mikrofon zeichnet sich
vor allem durch einen großen Frequenzbereich
und eine neutrale Wiedergabe mit edlem
Charakter aus.
Wenn es nunmehr, etwa für Funky-Sounds,
immer noch nicht genug knackt, kann ein
Kompressor helfen. Der integrierte Kompressor
dann programmierbar, in den Effekteinschleifweg
des Eleven Rack. Diesen Loop könnt ihr direkt
am Beginn der Signalkette platzieren. Gegenüber
dem Vorschalten eines Bodeneffekts habt ihr so
den Vorteil, dass sich der Effektloop-Status mit
jedem Programm speichern lässt.
Eine Direktaufnahme verfügt über keinerlei
Rauminformation, deshalb klingt sie ungewohnt
oder gar steril für unser Ohr. Es ist deshalb
Der Halleffekt verhilft der Direktaufnahme zu
mehr Natürlichkeit; reflektionslose Räume
kommen in der Natur so gut wie nicht vor
sämtliche Filterungen und Schaltungen zur
Klangdegradierung (Tape Hiss, Head Tilt, Wow/
Flutter) ausschalten.
Umgekehrt kann man aber gerade Höhen-
und Bassfilter dafür nutzen, Original und Echo
voneinander abgrenzbar zu gestalten.
Schaltet die Aufnahmebereitschaft für die
Direkt- und die Modelingspur ein
grundsätzlich empfehlenswert, den Gitarrensound
um einen Raumanteil zu ergänzen. Dieser sollte in
aller Regel nicht als Effekt wahrgenommen wer-
den, sondern vielmehr dezent in Erscheinung treten
und somit die Natürlichkeit und Dreidimensiona-
lität des Klangbilds erhöhen – ein Federhall würde
diese Kriterien also nicht erfüllen. Der passende
Halleffekt (Stereo Reverb) im Eleven Rack klingt
durchaus überzeugend. Welchen Raum ihr dabei
wählt, bleibt eurem Geschmack überlassen. (Wir
haben den Jazz Club ausgewählt.). Ich empfehle,
den Höhenanteil zu beachten und gegebenenfalls
etwas abzusenken – in diesem Fall wäre der Tone-
Regler nach links zu drehen.
Als Ergänzung in dieser Soundkategorie könn-
te man sich rhythmische Tap-Echos wünschen,
etwa um das Klangbild mit ein paar U2-artigen
Anleihen zu versehen. Eleven Rack stellt eine
Rhythmisch gesetzte Echos verhelfen dem
Klang zu mehr Räumlichkeit und Fülle und
schaffen einen eigenen Groove
Plexi-Crunch
Rockiger wird es mit dem nächsten Klangbeispiel.
Wir möchten das britische Raubein nachahmen.
Dabei fällt unsere Wahl auf den klassischen
Marshall Plexi (hier Plexiglas), den man für seine
dynamische Gangart schätzt. Damit ist man im Pop,
Rock und Blues gut aufgehoben. In diesem Fall
loten wir die Gainreserven des Verstärkers jedoch
nicht aus, sondern bleiben etwa im Mittelbereich.
Variiert wird je nach Ausgangsleistung des
Tonabnehmers.
Die passende Lautsprecherbox ist ebenfalls
ein Klassiker: die Marshallbox mit vier 12“-
Greenbacks von Celestion. Auch beim Mikrofon
bleiben wir bei klassisch Bewährtem: Das Shure
SM57 ist für diese Anwendung ein bekannter
Für einen Cleansound braucht es einen
passenden Verstärker wie den Fender Twin
Per Kompressor kann der Klang etwas
knackiger eingestellt werden
im Eleven Rack befindet sich in der FX1/FX2-
Abteilung. FX1 müsst ihr dabei in der Signalkette
so verschieben, dass sich der Effekt vor dem
Verstärker befindet.
Wem der gebotene Charakter dabei nicht
zusagt, könnte auch in seine (reale) Kiste
mit (echten) Bodenpedalen greifen und diese
entweder vor das Eleven Rack schalten oder,
Über den Effekt-Loop wird echte Hardware in den
Signalweg integrierbar - natürlich speicherbar
Bandecho- und eine Analogechosimulation zur
Verfügung, die ihr beide einfach über den Tap-
Tempo-Schalter an der Hardware im Nu auf die
passende Verzögerungszeit justiert.
Beide Kandidaten sind nicht unbedingt für
eine unverfälschte Echoerzeugung bekannt. Wenn
ihr ungefilterte Echos wünscht, die sich nahezu
klanglich identisch mit dem Originalsound ver-
mischen, dann solltet ihr in der Simulation
Dynamische angezerrte Klänge sind die
Domäne des Marshall Plexi
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sehr effektiv auf den Klang Einfluss nehmen
und beispielsweise Fundament in den Bässen
ergänzen.
Wenn ihr eine umfassende Klangregelung
hinter der Boxen- und Mikrofonsimulation
vornehmen wollt, kommt als EQ auch ein
Plugin aus Pro Tools in Frage. EQ 3 gehört
zum Lieferumfang und ist mit bis zu fünf
voll parametrischen Bändern sowie Tief- und
Hochpassfilter erhält. Gegenüber dem einfachen
grafischen EQ ist das deutlich wirkungsvoller.
der Wahl fällt dabei meist auf die Celestiontypen
G12-75T oder den Vintage 30. Letztere Variante
stellt euch das Eleven Rack zur Verfügung.
Auch hier wäre das Shure SM57 eine gängige
und gute Wahl. Wir haben uns allerdings im
direkten Vergleich für das dynamische Groß-
membranmodell Shure SM7 entschieden, das
mehr Klangfülle liefert.
Dauerbrenner. Obgleich es weder über den
Frequenzbereich noch die Detailfeinheit eines
teuren Studiomikrofons verfügt, hat es sich über
die Jahre hinweg als treffende Wahl erwiesen.
Auch hier darf der Raumanteil nicht fehlen.
Dabei haben wir uns für eine besondere Variante
entscheiden: Early Reflextions bildet ausschließlich
Erstreflektionen ab und errechnet keine Hallfahne.
Der Raum ist also nur zu hören, wenn ihr auch
spielt. Probiert es einfach mal aus.
Weiterhin haben wir im Modul FX2 den
Equalizer aktiviert. Dieses Modul ist hinter der
virtuellen Lautsprecher-Mikro-Kombination plat-
ziert. Ihr formt somit also den Gesamtklang, wie
man es etwa auch an einem Mischpult täte. An
dieser Stelle im Signalfluss könnt ihr nochmals
Thrash-Metal mit dem JCM 800
Im dritten Beispiel bleibt es britisch. Der typische
Marshall-Sound hat in den Achtzigern in Form
des JCM 800 Eingang in die Thrashmetal-Szene
gefunden. Damals wie heute sind Marshall-Amps
erste Wahl, wenn es um durchsetzungskräftige
„Bretter“ geht. Die Kombination von bissigem
Attack und dominanten Mitten sorgt insbesondere
bei schnellen Stakkatoriffs für die entsprechen-
de Präzision. Da es hier um eine High-Gain-
Anwendung geht, ist die Vorstufe entsprechend
weit aufgedreht. Auch bei der Klangregelung
braucht man nicht zaghaft zur Sache gehen.
Ordentlich Höhen, Bässe und natürlich Mitten,
denn nur so wird der Sound rotzig.
Die klassische Box für diese Musikstilistik hat
ebenfalls das 4x12“ Format – gerne auch in Form
einer ganzen Wand. Die Lautsprecherbestückung
Bellende Mitten und viel Gain: der Marshall
JCM 800 mit Tubescreamer
Mit dem parametrischen EQ 3 aus Pro Tools LE lässt
sich der Gesamtklang sehr präzise formen
In aller Regel reichen die Gainreserven eines
JCM 800 nicht für ein High-Gain-Brett aus. Der
Verstärker wird also heißer angefahren, indem
man einen Booster, einen EQ oder auch einen
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Overdrive vor den Eingang schaltet, mitunter
sogar kombiniert. Kerry King von Slayer nutzt
beispielsweise einen EMG-Booster in der Gitarre
und bemüht zusätzlich einen Equalizer, bei dem
er gleichzeitig die Mitten und den Gesamtpegel
boostet. Andere Metaller greifen zum klassischen
Tubescreamer, der dem Sound mehr Attack, mehr
Drive und auch mehr Präzision verleiht.
Beide Varianten lassen sich im Eleven Rack
nachvollziehen und bei Bedarf sogar kombinieren.
Da sich der Equalizer in der FX-1/2-Sektion
befindet, muss eine dieser Sektionen durch
Ziehen in der Signalkette vor den Amp gebracht
werden, in diesem Fall hinter dem Overdrive.
Dabei solltet ihr nicht die zweite Bildschirmseite
der Verstärkersimulation vergessen, in der sich
das Noise Gate befindet.
Hier sind digitale Systeme
haushoch überlegen
Mehr Pfund mit dem Rectifier
Mit dem Rectifier hat Mesa Boogie in den
Neunzigern einen High-Gain-Standard geschaffen,
der sich dauerhaft im Rock und insbesondere im
Metal bewährt hat. Der Sound ist ebenfalls sehr
durchsetzungsfähig, dabei aber deutlich basslasti-
ger als bei der Marshallgeneration der vorherge-
henden Jahre. Das ist ideal für Downtunings.
Gleichzeitig ermöglicht der Rectifier auch durch
Herunterregeln der Mitten die beliebten Scooped-
High-Gain-Sounds.
Für die typischen Metalsounds ist dabei der
Kanal „Modern“ zu wählen, den Eleven Rack
natürlich bereithält. Hier wird Gain satt zur
Verfügung gestellt. Während man im Original
mit Silizium-Gleichrichtern arbeitet, gibt es
im virtuellen Modell erst gar keine Wahl-
möglichkeit.
Der Modernkanal des Mesa Boogie Rectifier
ist die richtige Wahl für zeitgemäße Metal-
Sounds und Downtunings
Ein EQ vor dem Verstärker kann als Booster mit
variabler Frequenzbandbetonung fungieren; für
den Slayer-Sound darf es ein Mittenboost sein
In Sachen Boxen haben wir es bei einer 4x12“-
Box mit Celestion Vintage 30 belassen. Hier
existieren inzwischen zwar etliche Unterkategorie,
etwa mit größeren Gehäusen, das Eleven Rack
offeriert jedoch nur diese eine Auswahl. Dafür
haben wir uns beim Mikrofon mit dem Neumann
U67für einen besonders hochwertigen Röhrentyp
entschieden.
Die Bassgewalt des Rectifiers hat allerdings
auch Nachteile, die man auch in der Simulation
nachvollziehen kann: Der Amp neigt bei viel Gain
dazu, etwas undefiniert zu klingen, erst recht,
wenn auch die Bässe weit aufgedreht sind. Beides
Der Tubescreamer vor dem High-Gain-Kanal
sorgt in vielen Fällen für Klangverbesserung
durch ein markanteres Attack und einen
schlanken Mittenanteil
(siehe oben), Dynamikwerkzeuge, Echo, Reverb
und etliche weitere Effekte, allesamt dynamisch
im Zeitverlauf und für jeden einzelnen Parameter
automatisierbar. Kaum eine Klangbewegung, die
hier nicht mit absoluter Kontrolle umgesetzt.
Vortrefflich könntet ihr beispielsweise ein
Delay-Plugin im Sequenzer einsetzen, das in vielen
Fällen nicht nur mehr Möglichkeiten als die oben
beschriebenen Modelle im Eleven Rack bietet,
sondern das auch noch automatisch eventuellen
Tempoänderungen im Sequenzer folgt.
ist eigentlich nicht unbedingt nötig. Nehmt den
Gainregler bewusst etwas zurück, gerade wenn ihr
auch ausgangsstarke Tonabnehmer oder gar EMGs
einsetzt. Dazu regelt ihr die Bässe am Amp bis auf
die Mittelposition zurück. Ihr gewinnt hörbar an
Definition. Stattdessen könnt ihr mit dem Pult-EQ
anschließend noch etwas Pfund erzeugen.
Meiner persönlichen Meinung nach gehören
Mitten übrigens unbedingt in den Gitarren-
sound. Dieser Regler sollte also keinesfalls auf
Linksanschlag, sondern deutlich höher stehen.
Scoop-Sound hin und her: Was euch im Frequenz-
spektrum fehlt, könnt ihr auch in der Mischung
kaum wieder herbeizaubern. Umgekehrt kann man
im Mix über einen guten EQ das Klangbild sehr
viel leichter „verschlanken“.
Eine wichtige Waffe im Umgang mit dem
Rectifier ist wieder der Tubescreamer. Er sorgt
bei neutraler Einstellung für einen guten, zu-
sätzlichen Kick mit mehr Gain und Attack und
einem schlankeren und gleichzeitig definiertem
Klangbild.
Das Medium Delay II in Pro Tools bietet etliche
Möglichkeiten der Temposynchronisation und
kann mit allen Parametern automatisiert werden
Trocken aufnehmen, dann verzerren
Eleven Rack bietet die Möglichkeit, ein trockenes
D.I.-Signal auf eine Spur aufzuzeichnen. Dieses
praktische Sicherheitsnetz habt ihr bereits
in der ersten Workshop-Folge (guitar 12/09)
kennengelernt. Ihr braucht die Pro-Tools-Effekte
also keinesfalls nur auf den fertigen Gitarren-
sound anzuwenden. Das ist zwar im Falle
einer übergreifenden Klangregelung und einer
Kompression durchaus sinnvoll, in anderen Fällen
aber auch wieder nicht wünschenswert.
So könntet ihr euch zum Beispiel wünschen,
euer Clean-Signal mit einem speziellen Kom-
pressor aufzuwerten, den das Eleven Rack gar
nicht im Repertoire hat. In diesem Fall zeichnet
ihr also zunächst das trockene Signal auf und
schickt dieses anschließend durch besagtes
Plugin. Nun erst wird das Signal aus Pro Tools in
Eleven Rack übergeben.
In Kombination mit Pro Tools LE ist Eleven
Rack eine echte Waffe für das Erstellen vielseitiger
Pro Tools LE verfügt über eine überzeuge
Grundausstattung echtzeitfähiger Plugins
wie etwa den Compressor/Limiter Dyn 3
Indem man den Eingang von Eleven Rack auf
Re-Amp umschaltet, wird der Ausgang der
entsprechenden Pro-Tools-Spur und nicht der
Klinkeneingang in die Hardware eingespeist
Noch mehr Effekte, noch mehr EQ
Über die Mittel zur Klangformung im Eleven
Rack hinaus steht euch im digitalen Studio die
gesamte Plugin-Palette der Aufnahme-Software
zur Verfügung. Grundsätzlich ist Eleven Rack
kompatibel mit Formaten VST, AU und RTAS. Be-
sonders effizient lässt sich die Hardware natürlich
in Kombination mit Pro Tools LE 8.0 werden, denn
nur hier steht auch die grafische Bedienoberfläche
zur Verfügung.
Zum Lieferumfang von Pro Tools LE gehören
eine Reihe überzeugender Plugins im Digidesign-
exklusiven RTAS-Format. Hier trifft man auf EQs
Gitarrenklänge. Kompakter lässt sich eine derart
vielseitige Auswahl an Verstärkersounds, Boxen
und Effekten kaum realisieren, zumal man seinen
Studiosound auch mit auf die Bühne nehmen
kann. Natürlich hat man mit Eleven Rack kein
beeindruckendes Stack im Rücken stehen, dafür
aber eine verlässliche Komplettlösung im Kompakt-
format. Und diese Lösung sollte man auch nicht
als digitalen Feind betrachten, sondern eher als
Ergänzung, die sogar in Kombination mit echten
Amps ein gutes Team abgibt.
Ulf Kaiser