Special Zuspieler im Live Einsatz Soundcheck Special
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SpeCial: ZuSpieler im live-einSatZ
Special: Zuspieler im Live-Einsatz
Mensch und Maschine
So bringt ihr eure Zuspieler auf die Bühne
Der Live-Einsatz von Zuspielern
zählt heute bei vielen Formationen
ganz selbstverständlich zur
Performance. Es ist ein Vorurteil,
dass eine Band hierdurch notwen-
digerweise zum Plastik-Pop-Act
mutiert. Im Gegenteil: Wer es drauf
hat, Zuspieler intelligent einzuset-
zen, dem eröffnen sich neue
kreative Felder.
hier während der Performance meist nicht zu erledi­
gen. Typischerweise übernimmt diese Aufgabe der
Schlagzeuger, da sich die Band im Normalfall schließ­
lich ohnehin nach seinem Timing richtet.
Die zweite Variante des Zuspieler-Einsatzes er-
fordert höheren Aufwand, birgt aber auch größe-
res musikalisches Potenzial.
Moderne Audio­Soft­
ware kann in Kombination mit Hardware­Control­
lern als schlagkräftiges Tool für die Performance
genutzt werden. Ein bloßer Zuspieler mutiert so
schnell zum tatsächlich bespielbaren Instrument
mit reichlich Möglichkeiten zur Improvisation. Zu
den Pionieren dieser Methode zählt etwa der New
Yorker Musiker Moldover (im Interview auf Seite 37
stand er uns Rede und Antwort).
rundsätzlich kann man zwischen zwei Ar­
ten von Zuspieler­Anwendungen unter­
scheiden: Bei der ersten – traditionellen –
Variante fungieren Multitracker, Sampler und Co.
gewissermaßen als digitale Bandmaschinen. Mehr
oder minder üppige Playbacks werden dabei zur un­
terstützung des eigenen Live­Sounds starr abge­
spielt. Vielmehr als zuvor aufgenommene bezie­
hungsweise programmierte Songs zu starten, ist
Die traditionelle Methode
Eine typische Situation in der Zuspieler traditio-
nell angewendet werden, ist folgende:
Ihr tretet
als Trio (Drums, Bass, Gitarre/Gesang) auf. Zwischen
euren Studio­Recordings und eurer Live­Präsentati­
on klafft jedoch eine nicht zu unterschätzende Opu­
lenzlücke. Sechs Hände reichen einfach nicht, um
atmosphärisch wichtige Flächen zu legen, geschwei­
Sounds von der Platte:
Die Bananafishbones setzen auf
einen HD­Recorder DP­01 von Tascam.
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FOTOS: SHuTTERSTOCK, FLORIAN ZAPF
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inhalt
Special
Seite 32
Seite 40
Mensch und Maschine
So bringt ihr eure Zuspieler auf
die Bühne
Die 7 goldenen Regeln
Auf zum Kauf
Florian Zapf
Zuspieler für jede Anwendung
für den Live-Einsatz von Zuspielern Seite 36
ge denn, um die hier und da musikalisch dann doch
unabdingbare zweite Gitarre erklingen zu lassen.
Ganz abgesehen von den Sample­ und Synthie­
Loops, derer ihr euch im Studio ausgiebig bedient
habt. Kurz: Die Maschine muss ran!
Ähnlich erging es zum Beispiel der deutschen For-
mation Bananafishbones („Come To Sin“, „Easy
Day“ …).
Bisher stets Playback­frei unterwegs, stieß
das Trio mit dem letzten Album „When You Pass By“
an die Grenzen des auf der Bühne zu dritt umsetzba­
ren. Verstärkt ließen die Bananafishbones auf dieser
CD Elektronisches zu. Die Kompositionen der drei
Vollblutmusiker durften demnach auch schon mal in
Richtung House oder Disco neigen. Man entschloss
sich daher, für die anschließende Tour auf einen robus­
ten Zuspieler zurückzugreifen. „Wir haben uns be­
wusst gegen den Laptop entschieden“, sagt Drummer
Florian Rein. „Stattdessen sind wir mit einem Tas­
cam­HD­Recorder unterwegs, der von meinem Click
angesteuert wird. Wir wollten etwas Rock­’n’­Roll­
taugliches, etwas, das uns nicht plötzlich auf der
Bühne abschmiert.“ Die Wahl fiel schließlich auf das
Portastudio Tascam DP­01, einen Acht­Spur­Recor­
der, der in jedem Kanal Regler für Lautstärke, Pan und
Effekt­Sends sowie eine zweibandige Klangregelung
zur Verfügung stellt. Playbacks also, aber mit Bedacht
eingesetzt. Generell versuchen die Bananafishbones,
so Florian Rein, die Einspielungen als dezente Stütze
der Band einzusetzen.
Ein ähnliches Zuspieler-Konzept wie die Bananfish-
bones verfolgen auch die deutschen Dunkelrocker
von Eisbrecher (siehe Story in SC 12/08).
Auch auf
dem aktuellen Album dieser Band („Sünde“) findet
sich eine gute Dosis Elektro­Sound. Obwohl während
ihrer Auftritte besonders die Brettgitarren im Vorder­
grund stehen, wollte man live doch nicht gänzlich auf
Synthie­ und Sample­Elemente verzichten. Noel Pixx,
seines Zeichens musikalischer Kopf von Eisbrecher, er­
läutert das daraus resultierende Problem: „Wenn ich
das komplette elektronische Material als Live­Key­
boarder performen wollte, müsste ich mein Studio
mitnehmen. Dieser Aufwand würde sich für uns aber
nicht rentieren. Es macht ja außerdem auch wenig
Sinn, wenn da ein Keyboarder steht und zum Beispiel
Bassdrum­Viertel spielt.“ Ein Zuspieler musste also
her. „Wir haben deshalb den Alesis HD24 dabei. Pads
und Ähnliches fahren wir live im Gegensatz zur Platte
ohnehin drastisch zurück. Dafür finden eben mehr Gi­
tarren statt.“ Als zusätzliches Tool steht neben dem
24­Spur­HD­Recorder Alesis HD24 ein Yamaha­
Su200­Sampler zur Verfügung – von Noel Pixx liebe­
voll „kleines Drecksteil“ getauft. „Der Su200 stellt
noch mal 8 Megabytes an Sounds zur Verfügung, die
man mitfahren kann, wenn man Lust hat.“
Die elektronischen Sounds werden von Live-Drum-
mer René Greil via Alesis HD24 gestartet.
„Dadurch
sind wir natürlich zeitlich fix“, räumt Noel Pixx ein.
„und wir können auch nicht einfach noch mal acht
Immer in Schlagdistanz:
Bei den Elektrometallern von Eisbrecher steht ein Rack mit auf der Bühne.
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Special: Zuspieler im Live-Einsatz
durchaus wagen kann – vorausgesetzt das entspre­
chende System wurde im Vorfeld ausgiebigen Tests
unterzogen. Schon mit herkömmlichen Audio­Se­
quenzern lassen sich beeindruckende Zuspieler­
Playbacks fahren. Über integrierte Soft­Synthies
und Plugins kann der Playback­Sound außerdem
spontan manipuliert werden. So richtig spannend
wird das Spiel mit dem Zuspieler jedoch erst, wenn
man zu Echtzeit­Tools wie Ableton Live greift, und
diese über MIDI­Remote­Funktionen in Verbindung
mit Controllern nutzt.
Neue Möglichkeiten
Wer von seinem Zuspieler mehr verlangt als stures
Abspielen zuvor erstellter Playbacks, der greift zu
Software – und bedient diese über Hardware-
Controller.
Als Letztere können zum Beispiel her­
kömmliche Synthesizer dienen, deren Tasten, Fader
und Dreh­Potenziometer oft via Remote­Funktion
mit Audio­Software in Verbindung gesetzt werden
können. So nehmt ihr direkten Einfluss auf die Spuren
eures Zuspielers. Das heißt: Ihr beeinflusst per Hard­
ware­Dreh­Encoder etwa die Resonanzfrequenz eines
Synthie­Sounds, transponiert Loops, lasst Klänge an­
und abschwellen oder stottern, vollzieht Filterfahrten
und vieles mehr. Außerdem seid ihr etwa mit Ableton
Live in der Lage, via Controller in das Arrangement
eurer Playbacks spontan einzugreifen. Selbst wenn
ihr, zum Beispiel als Gitarrist, eure Hände während
des Gigs nicht frei habt, könnt ihr so etwas realisie­
ren: Per Floorboard nämlich. Hierfür weist ihr einfach
Volle Kontrolle:
Mit einem Software­Sampler stehen einem alle Möglichkeiten offen.
Takte an einen Song hängen. Was manchmal schade
ist.“ Eisbrecher bedienen sich daher eines kleinen
Tricks: Bei einigen Song­Enden läuft der Zuspieler
schlicht nicht mit. So ist es der Band möglich, den
Ausklang der betreffenden Titel spontan zu gestalten.
„Dann kann man Rock ’n’ Roll machen, wenn einem
danach ist“, sagt Noel Pixx. und René Greil fügt an:
„Der HD24 ist seit fünf Jahren im Road­Einsatz, und
wir hatten damit noch kein Problem.“ um gänzlich
abgesichert zu sein, zählt außerdem ein HD24­Spare
zum Equipment von Eisbrecher.
Das richtige Equipment
Zwar taugen prinzipiell auch bereits simple Gerä-
te wie Minidisc-Player als Zuspieler, wirklich
zeitgemäß und professionell lässt sich mit sol-
chem Equipment jedoch nicht arbeiten
(daher
stößt man eben auch bei professionellen Künstlern
wie den Bananafishbones oder Eisbrecher nicht auf
derartiges Gear). Das liegt unter anderem daran, dass
diese Tools lediglich Stereospuren ausspielen. Eine
detaillierte Bearbeitung am FoH­Platz durch den Ton­
ingenieur fällt somit flach. Außerdem fehlen hier nor­
malerweise am Gerät selbst Features zur weiteren
Klangoptimierung des Zuspielermaterials, also Filter,
Pan­Regler, Kompressoren und so weiter. Auch lassen
sich einzelne Sounds nicht via Aux­Send auf zusätz­
liche Audio­Prozessoren routen.
Weitere Geräte, die sich live als Zuspieler nutzen
lassen, sind Hardware-Sampler.
Bei diesen Instru­
menten kann man oft auf mehrere Ausgänge zu­
rückgreifen. Allerdings kommt man hier – gerade bei
älteren Geräten – häufig in Speichernöte. Es sei
denn, ihr habt es nur auf relativ kurze Effekt­Sounds
abgesehen, die einzeln abgefeuert werden sollen. In
so einem Fall bietet sich ein Hardware­Sampler be­
ziehungsweise ein Synthesizer mit Sampling­Funk­
»
tion sehr wohl an. Trotzdem: Besonders in puncto
Bedienung sind diese Tools eigentlich nicht mehr
zeitgemäß. Das Laden, Anwählen und Bearbeiten
geht via Software schlicht schneller vonstatten. Da­
für laufen die alten Hardware­Gesellen aber ver­
gleichsweise zuverlässig. Wesentlich komfortabler
fährt man jedoch mit Multitrackern beziehungswei­
se HD­Recordern, wie sie die Bananafishbones und
Eisbrecher einsetzen. Ein weiterer Vorteil dieses
Wenn ich das komplette Material live performen
wollte, müsste ich mein Studio mitnehmen.«
den verschiedenen Schaltern eures Bodencontrollers
die entsprechenden Clip­Change­Befehle in Ableton
Live zu. Überdies bietet der Markt Spezial­Controller.
Das Angebot reicht hier von speziellen Drum­Pads
über Mischpult­artige MIDI­Einheiten bis zu exoti­
scheren Tools wie dem Kurzweil­Ribbon­Controller
oder dem Kaoss Pad von Korg.
Equipments: Ihr könnt mit guten Multitrackern auch
gleich die Aufnahme eurer Zuspieler­Spuren erledi­
gen. Denn diese Geräte verfügen ja meist über um­
fangreiche Recording­ und Editing­Funktionen.
In jüngerer Zeit greifen Live-Musiker auch immer
öfter zu Software-Lösungen.
Zum einen kann man
so eine Menge Geld sparen: um sich
sämtliche in einem Standard­DAW­
Programm integrierten Tools als Hard­
ware zuzulegen, benötigt man näm­
lich schon einen recht stattlichen
Kontostand. Andererseits sind Be­
triebssysteme, Sequenzer, und Plug­
ins heute in der Regel so zuverlässig
und leistungsstark, dass man mit
ihnen den Gang auf die Bühne
Schicker Controller der zum
Experimentieren einlädt:
Mit Korgs Kaoss Pad könnt ihr nicht
nur Samples abrufen, sondern diese
auch kreativ bearbeiten.
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Portrait
Kontrollfreak: Moldover
Drei­Punkte­Programm: (1) Optimiere dein
System: Lass keine zusätzlichen Anwen­
dungen laufen, schalte alle Hintergrund­
dienste ab. Überprüfe außerdem jedes einzel­
ne Hard­ und Software­Element deines
Setups – und werde los, was du nicht
brauchst. (2) unterziehe dein System einem
Belastungstest: Bringe jeden einzelnen
Controller an sein Limit. Probiere jede erdenk­
liche Kombination von Controller­Stellungen
aus. Du solltest jedes Gerät einmal aus dem
Setup nehmen und wieder anschließen.
Versuche einfach alles, um dein System zu
crashen. Besser das passiert bei der
Vorbereitung als während des Gigs! (3)
Ändere nichts! Es sei denn, du hast die Zeit,
Punkt (1) und Punkt (2) zu wiederholen.
SC: Du baust dir ja deine Controller gern
eigenhändig zusammen. Was war der letzte
Controller, den du selbst angefertigt hast?
Moldover:
Ich konnte gerade die Arbeit an
einem neuen Controller abschließen, den ich
von Grund auf selbst konstruiert habe. Der ist
für meine Zwecke besser als alles, was kom­
merziell momentan so angeboten wird. und
das Teil verfügt über Features, die sonst
nichts da draußen vorweisen kann, zum
Beispiel Twist­Lock­uSB­Buchsen. Ich
wünschte nur, das Gerät hätte mich nicht
tausende Dollars und neun Monate bis zur
Fertigstellung gekostet.
SC: Wie synchronisierst du dein System,
wenn du mit einer Live-Band arbeitest?
Moldover:
Ich konnte als Controllerist schon
mit verschiedenen Gruppen spielen. Dabei habe
ich Kopfhörer­Klicks, MIDI­Beat­Clocks, Tap­
Tempo­Controls und Free­Tempo­Controls ein­
gesetzt. Allgemein finde ich Clocks und Klicks
problematisch. Ich bevorzuge die Flexibilität
und Musikalität, die du mit freier Synchro­
nisation erreichst. Das heißt, ich richte mich
nach den anderen Musikern, gleiche mein
Tempo On The Fly an und triggere auch meine
Sounds während der Performance neu an.
Der New Yorker Musiker und
DJ Moldover benutzt elek-
tronische Sounds wie
ein Musikinstrument
Moldover ist ein Pionier des kreativen
Controller-Einsatzes. Der junge New Yorker
Musiker und DJ hat SOUNDCHECK Interes-
santes über sein Setup und die richtige Gig-
Vorbereitung verraten.
Moldover, Absolvent des Berklee-Music-Col-
lege, treibt in seinen Sets die aktuelle Control-
ler-Technik an ihre Grenzen.
Controllerism nennt
sich diese neue musikalische Spielart. Hier wird
der Zuspieler als echtes Instrument eingesetzt.
Moldover unterzieht seine Sounds jeder erdenk­
lichen musikalischen Manipulation, zerschlägt ihre
Form, überführt das Material in neue Zusammen­
hänge – alles live und On The Fly.
Die Zentrale von Moldovers Setup ist ein aus-
giebig modifizierter Novation-25SL-MIDI-
Controller:
Die Tasten des 25SL sind ausge­
tauscht oder mit Gummiflächen zwecks besse­
rer Griffigkeit überklebt. Fünf zusätzliche
Crossfader, ein Kurzweil­Ribbon­Controller so­
wie ein Korg­Kaoss­Pad wurden ebenfalls inte­
griert. Software­seitig kommen Ableton Live
und Native Instruments Reaktor zum Einsatz.
Interessant: Ein Reaktor­Freeware­PlugIn
(BeatLookup von Chris List) liegt auf dem
Ableton­Live­Master­Kanal und schneidet
durchgehend 4­Bar­Loops des Audio­Ausgangs­
signals mit. So kann Moldover Sounds zum
Beispiel stottern lassen oder einzelne Ab­
schnitte auf Tastendruck schlicht nochmals
abspielen (Beatjuggling).
SOUNDCHECK: Moldover, was genau darf man
unter „Controllerism“ verstehen?
Moldover:
Controllerism ist im Prinzip dasselbe
wie Turntablism (die Kunst, Plattenspieler als ei­
genständiges Instrument einzusetzen, Anm. d.
Red.). Nur dass man keine Plattenspieler und
Mixer nutzt, um Musik zu machen. Controllerists
setzen eben auf Software und – Überraschung! –
Controller.
SC: Du verwendest unter anderem die Pro-
gramme Ableton Live und Native Instruments
Reaktor. Was gefällt dir an dieser Software?
Moldover:
Ableton war meine Einstiegsdroge in
Sachen Controllerism. Eine Software gefunden
zu haben, die ein benutzerfreundliches Interface
bietet und bei der es sich außerdem um ein de­
zidiertes Performance­Programm handelt – das
hat mich zu meiner ganzen Reise in die Welt des
Controllerism erst inspiriert. Reaktor habe ich
einbezogen, weil ich ein Werkzeug brauchte, das
es mir ermöglichte, all die Regeln zu brechen,
die Ableton so einfach machen. Die beiden
Programme arbeiten sehr gut zusammen. Sie
bieten dir, wenn du sie gemeinsam betreibst, ein
gutes Gleichgewicht zwischen Einfachheit und
Flexibilität.
SC: Welche Vorbereitungen triffst du, um sicher
mit deinem Setup arbeiten zu können?
Moldover:
Ich habe, was das Vermeiden von
Abstürzen und anderen Störungen betrifft, ein
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